Vortrag von François de Bernard,gehalten am 5. Februar 2001
an der Universität Hamburg veranstaltet durch das Institut Français Hamburg
Zum Thema: Von Mondialisierung zu Mondialisierungen: die Welt beherrschen oder teilen ? - einem sonderbaren Gegenstand insofern als der Begriff Mondialisierung normalerweise ausschliesslich im Singular verstanden wird - werde ich Ihnen zunächst etwas vorschlagen, was eher die Form eines „Arbeitsprogramms",als die eines klassischen Vortrags hat. Und ich wäre nicht erstaunt, wenn dieses „Programm in 10 Punkten" Ihnen als politisch erscheint, was es zweifellos ist.
Allerdings nicht politisch im Sinne einer neuen Parteien-Ideologie, sondern im Sinne der Doppelbedeutung von Politeia (Polis) und Politikon, wie sie von Platon und Aristoteles teilweise in Geistesgemeinschaft, teilweise kontroversiell gedacht wurden. Es handelt sich dabei - allen Risiken zum Trotz - um die Suche nach der besten Regierung für die Polis und ihre Bürger.
1. Die "Mondialisierung" als Gegenstand des Denkens und Handelns betrachten und nicht einfach als ein Faktum:
Hier geht es um die Wiederaneignung eines Phänomens durch den Bürger; eines Phänomens, von dem man ihm erklärt dass es sein Leben verändert und weiterhin verändern werde (zum Guten oder Schlechten), aber ohne dass er selbst etwas daran ändern könne. "Mondialisierung" ist jedoch weder eine Naturkatastrophe noch ein Geschenk des Himmels. Diejenigen, die sie als "Faktum" darstellen (die Mehrheit der sogenannten Entscheidungsträger), versuchen in Wahrheit ihre eigene private und exklusive Definition und Praktik durchzusetzen und um jeden Preis die Einmischung der Bürger zu verhindern. In diesem Sinne ist es vordringlich, dieser Privatpraktik (im Dienste wirtschaftlicher und politischer Zwecke) entgegenzutreten, um aus der Mondialisierung wieder das zu machen, was sie ist: ein vielförmiger, komplexer, evolutiver, instabiler Gegenstand, irreduzibel auf ein "Faktum". Vielmehr zwingt dieser Gegenstand zu einem echten Denkprozeß um in seiner vollen Komplexität begriffen zu werden. Das ist alles andere als einfach, es ist im Gegenteil eine große Herausforderung.
2. Zu einer historischen und philosophischen Perspektive der Mondialisierung fortschreiten und diese einer Neudefinition zu unterwerfen:
Es ist an der Zeit, den reduzierenden Blickwinkel aufzugeben aus dem die "Mondialisierung" als außergewöhnliches Phänomen erscheint, als noch nie dagewesenes Phänomen ohne historisches Äquivalent, das zu Beginn der 90er Jahre mit der Ausbreitung der NICTs (New Information and Communication Technologies) entstand und das eine vollkommen "neue" Welt hervorbringen werde (deshalb auch der bestimmte Artikel - als ob diese Mondialisierung die erste wäre...) Im Gegensatz dazu sehen wir hier die Gelegenheit, die reiche philosophische Tradition der Weltbegriffe aufzugreifen, von den antiken Kosmologien, über die beachtlichen Beiträge der sogenannten Aufklärer (erinnern wir uns der berühmten Kantschen Schrift "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" von 1784), bis zu den zeitgenössischen Versuchen die Welt zu denken. Durch diese Lektüre wird klar, daß "die Mondialisierung" ein Thema ist, seit es ein Denken der Politik und der Natur (Subjekt der ersten presokratischen Schriften) gibt. Desgleichen wird eine aufmerksame Re-Lektüre der Geschichte es erlauben "die (gegenwärtige) Mondialisierung" in eine lange Tradition einzureihen. Unter anderem in die Nachfolge der griechischen Mondialisierungen, dann der römischen, der spanisch-portugiesischen Mondialisierung des 16. und 17. Jahrhunderts, der britisch-niederländischen Mondialisierung des 18. Jahrhunderts, des napoleonischen Mondialisierungsversuchs, der Mondialisierung im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, etc. Eine Neudefinition der "Mondialisierung" sollte in diesem zweifachen Licht der Philosophie und der Geschichte betrieben werden, um weniger die "Neuheit" und "Außergewöhnlichkeit" des aktuellen Phänomens zu unterstreichen sondern seine Einreihung in eine Tradition, die es zu einem Gutteil erklären kann.
3. Das Konzept der "Mondialisierung" von dem der Mondialisierungen unterscheiden:
Die oben vorgeschlagene Perspektive hat die Einschränkung der Verbreitung des polemischen Konzepts "der Mondialisierung" als ersten Effekt und bringt demgegenüber das Konzept der Mondialisierungen in die aktuelle Debatte ein. Warum ? Weil die Berufung auf "die Mondialisierung" nicht nur die Verständlichkeit des Phänomens einschränkt, sondern es auch glaubhaft erscheinen läßt, daß man die Schlüssel zu einem "wohlbekannten" Phänomen in Händen hält - entgegen Hegels Bemerkung in der Phänomenologie, wo er einwendet "das Wohlbekannte, eben weil es wohlbekannt ist, ist nicht bekannt". Diesem "wohlbekannten" Gegenstand, der die Diskussion beherrscht ohne deshalb "aufgeklärt" zu sein, der nicht "Sinn" produziert sondern mehr und mehr Verwirrung, stelle ich einen anderen "schlecht bekannten" Gegenstand entgegen - die Mondialisierungen - in Bezug auf den noch fast alles zu entdecken und zu verstehen bleibt. Mondialisierungen im Plural meint eine Vielzahl an fortschreitenden Prozessen in sehr verschiedenen Bereichen: komplexe Zusammenhänge und Charakteristiken und unterschiedliche "Grade" des Fortschritts, deren "gemeinsame Bedeutung" - wenn es eine gibt - noch nicht erkennbar ist und die eher nach Cartesianischem Zweifel und Nietzscheanischem Verdacht verlangt als nach Gewißheiten und Ideologien.
4. Den ideologischen und instrumentellen Charakter "der Mondialisierung" offenlegen:
Der eben beschriebene Unterscheidungsprozeß ist nicht nur in wissenschaftlicher Hinsicht von Vorteil - er ist ebenso unverzichtbar in politischer Hinsicht. Man darf das Leitmotiv "die Mondialisierung" nicht nur als sprachliche Annäherung begreifen, eine unvermeidbare Vereinfachung, die sich durch die Regeln des mediatisierten Diskurses rechtfertigt, für die jeder auf seine Art verantwortlich ist und die letztendlich ohne Bedeutung oder Gefahr bleibt. "Die Mondialisierung" muß im Gegenteil als ein instrumenteller Begriff im Dienste bestimmter Motive wahrgenommen werden - ein Begriff, der eine private Vorstellung der Welt bezeichnet, eine Welt die so ist "wie sie (demgemäß) ist" und die in eine (demgemäße) Richtung ginge ... "Die Mondialisierung" klar umrissen und in Szene gesetzt, orchestriert von einer Anzahl von "opinion leaders" entpuppt sich als ideologische Maschine deren vorsätzliche Verbreitung als Bürgschaft für eine einseitige Vorstellung der aktuellen Welt und ihrer Entwicklung dienen soll, oder aber als Denunziation ebendieser Vorstellung: für manche eine positive, apologetische Vision (die Wohltaten der Mondialisierung), für die anderen eine düstere und apokalyptische (die üblen Folgen der selben Mondialisierung).
5. Die aktuelle moralische Sackgasse identifizieren, die unablässig dazu auffordert über den "guten" oder "bösen" Charakter "der Mondialisierung" zu urteilen:
Das ist die Konsequenz des Vorangegangenen. Der Einseitigkeit, die den Gegenstand der aktuellen Debatte - nämlich "die Mondialisation" - immer verworrener werden läßt, ist auch die Bildung einer binären Moral anzulasten. Für diese verarmte Moral, von den "Befürwortern" und den "Gegnern der Mondialisierung" gemeinsam geschmiedet, stellt sich einzig die Frage, ob diese "gut" oder "böse" sei (immer unter der unbewiesenen Voraussetzung, daß es sich bei der Mondialisierung um einen wohlbekannten Gegenstand handelt). Im Bemühen dieser Opposition eine Nuance hinzuzufügen geht man manchmal soweit eine Unterscheidung der "guten und der schlechen Mondialisierung" nahezulegen, aber die verwendeten Kategorien bleiben die selben. Die allgemeine Verbreitung einer derart grobmaschigen Moral muß Gegenstand einer wahren Kritik werden. Umsomehr als man ihren verheerenden Charakter noch nicht voll erfaßt hat - verheerend vor allem für die Moral der Bürger und die Politikverdrossenheit, die man ihnen vorwirft. "Die gute oder böse Mondialisierung" kann tatsächlich nur Gegenstand eines Krieges sein, eines endlosen Krieges zwischen "pro" und "anti" (wie Guelphs and Gibelins, Capulets und Montaigus, etc.)
6. Studium der multidisziplinären Prozesse der Mondialisierung in allen Sektoren der Aktivität, Etablierung eines vergleichenden Zugangs zu ihren Ähnlichkeiten als auch ihren Unterschieden:
Dieser Punkt ist selbstverständlich mit dem vorherigen verbunden. Wie kann man der Einseitigkeit "der Mondialisierung" entkommen ? Zunächst, indem man sich für die Mondialisierungen in ihrer Verschiedenheit interessiert, die in keiner Weise auf ein Kriegsmotiv reduziert werden können. Denn wie könnte man "für" oder "gegen" die Mondialisierungen des Rechts (besonders der Menschenrechte), der wissenschaftlichen Forschung oder demokratischer Praktiken sein ? Es ist klar, daß diese Haltung keinen Sinn hätte: die Komplexität und der Bedeutungsreichtum, den das Konzept der Mondialisierungen generiert, erfordern in der Tat Reflexion und schließen Moralismus aus dem Diskurs aus. Tatsächlich kann man ebensowenig "für oder gegen die Mondialisierungen" sein wie für oder gegen Bildung, die Wissenschaften oder die Kultur. Es kommt also nicht darauf an sich um jeden Preis in Bezug auf die "Mondialisierung" zu positionieren, sondern die Prozesse der Mondialisierungen in fast allen Domänen in ihrer Vielfalt und auf mehrere Weisen zu studieren (z.B. von verschiedenen Disziplinen wie Geschichte, Anthropologie, Philosophie, Soziologie und Ethnologie aus): von der Kulturindustrie bis zu den Kämpfen um die Umwelt, von den Kleidergebräuchen bis zur Anklage der Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Wenn wir der unbeholfenen Richtschnur der Dringlichkeit folgen wollen, so heißt das sich diesen Formen der Mondialisierung ohne jedes a priori anzunähern, sie zu studieren, zu vergleichen, ihre gemeinsamen und unterschiedenen Ursachen auszuforschen, ihre konvergenten und widersprüchlichen Folgen zu evaluieren, die vielfältigen Interpretationen, die sie hervorrufen zu validieren oder für ungültig zu erklären.
7. Motive und Ziele der Akteure aufdecken, die von verschiedenen Positionen aus die Prozesse der Mondialisierung vorantreiben und rechtfertigen:
Die statische Vorstellung, welche "die Mondialisierung" als Faktum begreift ist nicht zu halten; denn es handelt sich bei dem so bezeichneten Prozeß um einen dynamischen; um eine Bewegung, die keinesfalls verstanden werden kann, wenn man sich damit begnügt, sie in einem fixierten Begriff zu bannen. Wir müssen uns also auf ihre eigentlich historische Dimension konzentrieren, um eine Erklärung dafür zu finden, warum die Menschen (und hinter den NICTs stehen Menschen und keine Maschinen!) diese Bewegung gefördert, wenn nicht sogar "ausgelöst" haben und ihr die Mittel ihrer Entwicklung verschafft. Was sind ihre Motive und ihr Begehren - mit einem Wort: Was und wer läßt "die Mondialisierung" funktionieren ? Z.B. angesichts der "Mondialisierung der Kulturindustrien", die sich in einer rapiden Konzentration der herausgeberischen Aktivitäten (Presse, Buchverlag, Musik, Video), einer Verknappung der schöpferischen Tätigkeiten und des Angebots an Publikationen (an "Produkten") und einer transnationalen Normalisation der kulturellen Praktiken äußert, ist trotzdem nicht ausreichend diese Entwicklung als gut oder als böse abzuqualifizieren. Man muß diesen Prozeß in der Geschichte verorten, seine Ursprünge evaluieren, seine Hauptakteure und -Motoren identifizieren, ihm seine Bewegung zurückerstatten, seine Bedeutung offenlegen, und seine äußersten Konsequenzen in rationeller (und nicht nur emotioneller Weise) entwerfen.
8. In einer nicht-moralischen Weise die (privaten oder öffentlichen) Ziele der "Mondialisierer" und ihre dafür eingesetzten Mittel beurteilen:
Es ist unumgänglich die gegenwärtige moralisierende Ideologie zu verlassen, sei es eine ablehnende oder verehrende. Das ist nicht einfach, da die Regeln der momentanen Debatte, die gemeinsam von den "pros" und "antis" der Mondialisierung festgesetzt wurden, es kaum erlauben, daß man sich anders positioniert - Merkmal jeder binären Moral, ob religiös oder weltlich. Es geht aber nicht länger darum zu wissen ob "die Mondialisierung gut oder böse" ist, sondern darum zu wissen wer mondialisiert, wie und warum ? Das heißt darum zu forschen und zu verstehen:
- welches (wissenschaftliche, intellektuelle, technokratische, unternehmerische, finanzielle, politische, etc.) Kollektiv sich am Ausgangspunkt welches Prozesses der Mondialisierung befindet (z.B. die Mondialisierung des Tonträgervertriebs oder der Pädagogik);
- welches die (offensichtlichen oder versteckten) Absichten derjenigen sind, die diesen Prozeß entwickelt, favorisiert und gefördert haben - private oder öffentliche Ziele, kommerzielle, wissenschaftliche, humanitäre... ;
- welche (technischen, politischen, finanziellen, kommerziellen ...) Mittel entworfen und verwendet wurden um diese Absichten zu befördern und zu verbreiten.
Nur durch eine solche kritische Forschung werden wir aus der momentanen Sackgasse finden und ein "extra-moralisches" (um eine Nietzscheanische Kategorie zu verwenden) Urteil über diesen Gegenstand täglicher Polemik formulieren können.
9. Die Konsequenzen des Mondialisierungsprozesses im Bereich der Freiheiten, der Rechte, des Zugangs der Bürger zu Wissen und zu Informationen, der Zukunft der demokratischen Praktiken und der Beherrschung der betroffenen Phänomene herausarbeiten und entwerfen:
Nur wenige gesellschaftliche Themen haben in der Geschichte der Gegenwart ebenso viele negative und positive Phantasmen erzeugt wie "die Mondialisierung". Nun ist es höchst an der Zeit diesen Bereich der Phantasmen mit jenem der Politik zu vertauschen, der Politik, welche die Polis formt und deren Gegenstand die beste Regierung für alle ist. Will man eine Analogie verwenden, so könnte man versuchen, sich einen Moment in die Position derjenigen zu versetzen, die der Verbreitung des (Buch)Druckverfahrens beigewohnt haben; wir sollten geduldig (ohne Dringlichkeit und Vorurteile) versuchen die Fäden der Prozesse, die sich vor unseren Augen abspielen, einen nach dem anderen zu entwirren, ohne dabei obsessionsartig bestimmte Konsequenzen zu fokussieren (wie das Verschwinden der Kopisten im Zuge der Massenverbreitung der Drucktechnik). Man muß vermeiden sich vom Baum beeindrucken zu lassen, der den Wald der vielfältigen Konsequenzen der Mondialisierungen versteckt. Sicherlich ist das einfacher gesagt als getan ! denn die Unmittelbarkeit der komplexen Tatsachen, denen wir beiwohnen, macht jeden Versuch einer kritischen Distanznahme und jede "rationelle Vorausnahme" gefährlich. Aber was die Schwierigkeiten auch sein mögen, es scheint wir haben kaum die Wahl !
10. Die Bedingungen der Möglichkeit einer "zivilen Mondialisierung" definieren, die nicht nur den Respekt gegenüber den pluralen Identitäten und Kulturen begünstigen , sondern auch ihre Entwicklung und gegenseitige Begegnung:
Ich denke auch, daß man die Reduktion "der Mondialisierung" auf ihre rein kommunkiationelle Dimension vermeiden muß - offensichtlich, zu offensichtlich ! "Mondialisierung" kann nicht bloß die immer leichtere und schnellere Kommunikation mit dem anderen Ende der Welt bedeuten, das allein stiftet noch keine Zivilisation... Dagegen erlaubt es die Aufmerksamkeit für diese Unterscheidung an die Idee der Zivilisation anzuschließen: jene einer zivilen Mondialisierung, die eben deshalb zivil ist, weil es sich dabei nicht um erleichterte Kommunikation oder erleichterten Handel zwischen den Menschen handelt. Es erscheint mir notwendig die gängige technische Illusion zu übersteigen, um den heute gestellten Anforderungen zu begegnen: denn es ist nicht die Erfindung des Buchdrucks, die "die Renaissance macht", es ist eine bestimmte Aneignung dieses Verfahrens (eine bestimmte Art die Technik des Buchdrucks in den Dienst der Menschheit zu stellen), die zum "Renaissance" benannten Prozeß beiträgt. Ebenso können die Techniken, die seit einigen Jahren die explosionsartige Zirkulation von Informationen ermöglichen nicht selbst als produktiv in Hinsicht auf eine neue Zivilisation betrachtet werden, sehr wohl aber können sie in den Dienst dieses Projekts gestellt werden - eines Projektes, dem es mithilfe eines im eigentlichen Sinne politischen Willens noch Form und Sinn zu geben gilt.
Anstelle einer conclusio:
Wenn Mondialisierung heute mehrheitlich als eine Angelegenheit von Beherrschung wahrgenommen wird, und ohne die Wichtigkeit aller Formen der realen (wirtschaftlichen, politischen, militärischen, finanziellen, linguistischen, kulturellen, etc.) Herrschaft, die wir überall beobachten zu verharmlosen, glaube ich, daß die erste Form der Herrschaft jene des Begriffs bleibt: d.h. der Bedeutung, die die "Befürworter" und "Gegner" dem Begriff "Mondialisierung" verleihen. Das "Gesetz des Stärkeren" in diesem Stadium - daß meiner Meinung nach trotz der breiten Mediatisierung der Frage (und auch gerade dadurch) noch nicht vollständig überwunden ist - ist nichts anderes als das Gesetz desjenigen, der bestimmt was "die Mondialisierung" zu sein hat: eine gute oder böse Sache, die sich in diese oder jene Richtung zu entwickeln hat. In dieser Hinsicht treffen sich Mondialisierungsbefürworter und -Gegner um sich einen privaten Gebrauch des Begriffes anzueignen, der konform geht mit ihrer allgemeinen Vorstellung der Welt und ihren Interessen, ob diese nun wirtschaftlicher, politischer oder intellektueller Natur sind. Das "Gesetz des Stärkeren der Mondialisierung" ist also zunächst das Gesetz desjenigen, der am lautesten spricht, und andre davon überzeugt, daß seine Vorstellung vom Fortgang der Welt die richtige und beste sei; sei es auf den Versammlungen der WHO (Welthandelsorganisation) , der Weltbank oder des IWF (Internationaler Währungsfonds) oder in den Straßen von Seattle, Bangkok oder Prag. Es ist wenig wahrscheinlich, daß man ein friedliches Ende dieser weltweiten sich ständig ausweitenden Kontroverse finden wird: vielleicht einfach deshalb, weil sie strikt im Bereich der Herrschaft verharrt, und niemals über die mehr oder weniger unmittelbare Reaktivität hinaus in Perspektive gesetzt wurde.
Welchen Ausweg aus dieser Sackgasse kann man also finden ?
Ich für meinen Teil sehe keinen anderen als jenen kollektiven Prozeß, der auf eigenwillige und rationelle (und nicht länger emotionale) Art und Weise die Frage der Mondialisierung im Bereich des Teilens resituiert - und nicht länger im Bereich der Herrschaft. Die Mondialisierung im Bereich des Teilens zu verorten impliziert nicht den naiven Glauben an a priori wohltätige Wirkungen der Prozesse, die sich vor unsren Augen abspielen. Es bedeutet einfach, daß, wenn es jedem klar ist, daß das wovon man spricht sehr wohl das Geschick der gesamten Gemeinschaft betrifft, man sich nicht länger den Luxus erlauben kann diesbezüglich in einem trivialen Konflikt zu verbleiben. Andrerseits zeigt diese "Sache" durch eine große Anzahl an Zeichen, daß sie zunehmenderweise zu einem Gegenstand des Teilens werden kann, fähig den Fortschritt der Gemeinschaft zu befördern. Angesichts der Tatsache, daß die kürzlich erfolgte Mondialisierung der "innenpolitischen" Ereignisse in Jugoslawien in großem Ausmaß dazu beigetragen hat, die Situation in die Richtung zu entwickeln, die man kennt, kann man nur beunruhigt sein. Und man kann nur beeindruckt sein von den Anstrengungen, die heute auf neue Art und mit neuen Mitteln in allen Regionen der Welt an den Tag gelegt werden, um zivile, religiöse und ethnische Kriege zu stoppen und zu verhindern, und, vor allem, um mit weitreichender internationaler Hilfe langfristige Lösungen (mit begleitender Unterstützung) zu finden. Man kann nur emotional und intellektuell berührt sein von der Multiplikation transkontinentaler Initiativen der Annäherung und der Zusammenarbeit (sogar außerhalb jedes politischen Kontexts) im pädagogischen, wissenschaftlichen und universitären Bereich.
Alle diese Mondialisierungsprozesse und ihre Folgen gehören ebenfalls dem Bereich des Teilens an ohne auf eine Ideologie, einen Clan oder auf private oder exklusive Interessen reduzierbar zu sein. Indem man sich an solchen zeitgenössischen Durchbrüchen inspiriert, sie reflektiert und nicht bloß als simple Fakten hinnimmt kann man, indem man ihnen einen völlig anderen Wert gibt, das "Gesetz des Stärkeren der Mondialisierung" in Richtung einer Instanz reorientieren, die den Sinn eines allgemeinen Interesses annimmt. Eine Instanz die nicht auf Anhieb gegeben ist, aber deren vielfältige Spuren man beobachten kann und die nicht chancenlos erscheint, am Ende doch noch zu triumphieren um der kantschen weltbürgerlichen Idee posthum Recht zu geben. "Die Mondialisierung" muß vielleicht aufhören eine klare Sache zu sein - zu klar für manche - um wieder zu einer Frage zu werden, der Frage nach der Gründung und dem Teilen einer gemeinsamen Zukunft.