Hypérion
Le monde est plein de fous, et qui n'en veut point voir doit s'enfermer tout seul et casser son miroir
Sottises de la semaine, Séguier Frères, 1790
Textes / Articles
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Für eine ''Philosophie der Mondialisierungen"


Kann man heute noch von der Mondialisierung sprechen als ob es sich um ein und denselben "wohlbekannten" Gegenstand handelte in Bezug auf den es ausreicht dafür oder dagegen zu sein, seine Wohltaten zu begrüssen oder seine Misstände zu denonzieren? Kann man von "der Mondialisierung" sprechen als ob sie ein "Faktum" wäre, das sich jedem aufdrängt ? Soll man teilnehmen an der Verbreitung des Glaubens an einen einmaligen wirtschaftlichen und politischen Prozess, der sich als irreversibel erweist und sein Gesetz in allen Bereichen menschlicher Aktivität diktiert ? Im Augenblick, in dem der tschechische Präsident Vaclav Havel am Rande der Zusammenkunft der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Prag seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, dass „Mondialisierungsbefürworter und –Gegner" zu einer kultivierten Debatte zusammentreffen, bei der die Argumente beider Seiten gehört werden müssten, hängt die Antwort auf diese Fragen eng mit der zusammen, die man auf eine eher inaktuelle Frage geben wird: die Frage ob es legitim ist nach der exakten Natur dieses Phänomens zu forschen und die Triftigkeit des dafür verwendeten Begriffs zu prüfen ? Eine Frage, die weder kosmetisch noch „abstrakt" ist, sondern im Gegenteil ebenso unerlässlich wie konkret und die ins Zentrum der aktuellen Debatte getragen werden muss.
Denn nochmals, ob in den Strassen der Stadt oder den Mauern der Prager Burg, es wird nicht nur darum gehen zu wissen, zu fordern und zu rechtfertigen, ob man „für" oder „gegen" dieses Phänomen ist, Argumente zu kreuzen die seine Schönheiten oder Makel unterstreichen ... sondern auch darum, sich um die Grenzen des Phänomens zu kümmern, um die Schwankungen seiner Definition, die Verwirrung, die diese Definitionen stiften, die historische und philosophische In-Perspektive-Setzung und den multidisziplinären Zugang, den sie erfordern – den Einsatz schliesslich, der darin besteht die Ausdrücke der aktuellen Debatte zu modifizieren und sich auf einen sonderbar verlassenen Weg zu begeben.

Die Privatisierung der Welt

Will man die „Konsequenzen der Mondialisierung" evaluieren so muss man bei den vielfältigen und schädigenden Konsequenzen beginnen, die aus dem Missbrauch dieser Sprachkonvention resultieren. Einer Konvention deren Verlängerung nicht weniger bedeutet als eine Art auf die Ansprüche jedes kritischen Geistes zu pfeifen. „Die Mondialisierung" wird hier als Gewissheit präsentiert: Evidenz eines Phänomens dessen Existenz man nicht in Zweifel ziehen könne und dessen Materialität anzuzweifeln ein unentschuldbares Vergehen bedeuten würde. Aber was steht mit der Formel „Mondialisierung" tatsächlich auf dem Spiel ? Wenn es nicht darum geht sich „für" oder „gegen" sie zu positionieren, scheint dieser Einsatz eher auf seiten der „Privatisierung der Welt" zu suchen sein, um einen Ausdruck des Philosophen Jacques Poulain zu gebrauchen. Was bedeutet: Privatisierung der Welt ? Zu glauben, dass die Wirtschaft die Welt regelt wie der Uhrmacher die Uhr, dass sie sich diese Welt vorstellt, ihr ihre Mittel verschafft, ihr Antrieb und Richtung erteilt und sich schliesslich ebenso fähig erweist sie zu „reparieren" wie zu zerstören. Es bedeutet zu affirmieren, dass ein bestimmtes neoliberales Wirtschaftsmodell, bestimmte „Gesetze des Marktes", bestimmte finanzielle Anforderungen - von einer Oligarchie definiert - gut sind für alle Staaten und Bürger der ganzen Welt. Es bedeutet gegen jeden „guten Glauben" vorzugeben, dass die Welt der Wirtschaft „gut funktioniert", und sogar besser und besser, zum Wohle der Mehrheit, während alle Tatsachen und Zeugenaussagen (angefangen von denen der Weltbank) anzeigen, dass sie die Ungleichheiten entwickelt und multipliziert (die Ungleichheiten in Bezug auf Arbeit, Ausbildung, Kultur, Technologie, Wasser, Nahrung, Geld, Krankheit und Tod).
Die Privatisierung der Welt ist ein Paradox. Man gibt vor zu „mondialisieren", die Grenzen der alten (?) Welt abzuschaffen, diese Öffnung dank der Wunder der „NICTs" zu fördern, Luft, Austausch und Kultur zu erneuern ..., und dass alles im Sinne von Wohlstand, Aufschwung, Demokratie, stärkeren, weiterentwickelten und besser verteilten Rechten, etc. geschieht; und dennoch wird das genaue Gegenteil produziert ! „Darüberhinaus", lässt man nur die Wahl zwischen beruhigendem Beifall, irrationaler Ablehnung oder enttäuschter Gleichgültigkeit – während die Diskutanten des Phänomens sich einig sind, es als diejenige Sache zu präsentierten, die für den Einzelnen wie für die „Polis" grösste Wichtigkeit hat und in Zukunft haben wird. Aber die grundsätzliche Befragung des „Dossiers" und der zur Annäherung verwendeten Begriffe ist bei Strafe verdächtigt zu werden verboten: verdächtig in den Augen der einen „pro Mondialisierung" zu sein, in denen der anderen „anti"...
So gesehen „existiert" die Mondialisierung in bestimmter Weise im Modus der Privatisierung der Welt durch die Wirtschaft und ihre Kapitäne – im Modus der Herrschaft ohne Grenzen. Diese Reduktion der Perspektive induziert jedoch einen beachtlichen Verlust für das Verständnis und die Beherrschung des betrachteten Phänomens durch den Bürger. Denn sich auf diesem Terrain zu verorten, „Mondialisierung" ausschliesslich im Bereich der Wirtschaft und Politik zu lokalisieren, auch wenn es zum Zweck der Auflehnung gegen deren Grundlagen und Folgen ist, bedeutet einmal mehr der Privatisierung der Welt und denen die genau danach streben einen Dienst zu erweisen. Auf eine bestimmte Art bedeutet es sogar ihnen die urkundliche Bestätigung (und Entlastung ?) zu erteilen, dass die Welt privatisiert ist, dass dieser Prozess schon zu weit fortgeschritten ist, kurz, dass nichts anderes mehr bliebe als gegen ihn zu revoltieren... Aber es existiert ein anderer, nicht konkurrierender aber verschiedener Blick auf den Stand der Dinge: derjenige, der davon ausgeht, dass die Privatisierung der Welt weder abgeschlossen noch irreversibel ist; dass sie nicht die einzig mögliche Mondialisierung darstellt, dass zweifelsohne noch andere existieren, die ein Gegengewicht zu dieser Privatisierung bilden und bilden können, die in eine entgegengesetzte Richtung gerichtet sind und der Ordnung des Teilens angehören. Welches "Teilen" ? Zunächst Teilen von Bildung, Kultur, den Künsten und Wissenschaften; also den Werten die den Menschen von einem "zu mondialisierenden Tier" unterscheiden - ein Teilen, das Staatsgrenzen, linguistische und Clan-Grenzen überschreitet und den andern unerlässlichen (politischen, wirtschaftlichen und sozialen) Formen des Teilens vorausgeht (und nicht als deren nachträgliche Konsequenz zu betrachten sind).

Von "Mondialisierung" zu Mondialisierungen

Kurz, was es zu "deprivatisieren" gilt, ist die Vorstellung von Mondialisierung, eine ausschliesslich wirtschaftlich-politische Vorstellung, die man monotheistisch nennen kann, und für die es nur ein und dieselbe Bewegung gibt, die sich ausgehend von der Wirtschaft auf alle anderen Sektoren menschlicher Aktivität überträgt. Man kann sich vorstellen, dass diese Deprivatisierung Wege einschlagen muss, die sich von denen unterscheiden, die sich auf Angriff der Argumente dafür oder dagegen beschränken. Noch meilenweit davon entfernt, handelt es sich zunächst darum das gegenwärtige Phänomen, von Politikern, Geschäftsleuten und Medien mehrheitlich als "die Mondialisierung" präsentiert, als "Privatisierung der Welt" zu requalifizieren. In Folge müssen die anderen Formen der Mondialisierung offensichtlich gemacht und rational begründet werden, die in Entwicklung begriffenen Formen die im Gegensatz zur vorherigen Mondialisierung dem Bereich des Teilens angehören (wie die internationale Bürgermobilisation für individuelle oder kollektive Anliegen, die Wandlung des Austauschs der scientific communities über ihre gemeinsamen Forschungsobjekte, die Verbreitung vergessenen, geringgeschätzten und entfremdeten Kulturerbes, etc.) Schliesslich geht es darum die Mondialisierungen zu denken, d.h. sie zum Gegenstand eines komplexen, vielförmigen, evolutiven Denkens zu machen, das auf verschiedene Prozesse abzielt (von der Mondialisierung der Kämpfe für Umweltschutz zur Mondialisierung des Kinos, der Kleiderordnung und urbaner Politik); Prozesse, die sich in verschiedenen Evolutions-Stadien befinden (einige abgeschlossen, andere in Entwicklung begriffen und wieder andere, die noch nicht begonnen haben) und von denen wir noch wenig wissen – während der Einsatz dieser Reflexion, dieser zu konstituierenden Wissensbereiche für alle, Politiker und Pädagogen offensichtlich ist.
Wenn es also ein Feld gibt, auf dem man sich schlagen muss ist es das der Unterscheidung, und nicht nur im vereinfachten Register der „guten" und der „bösen" Mondialisierung. Denn nur wenn man die Mondialisierungen voneinander unterscheidet, sie historisch und in ihrer eigenen Geschichte verortet, sie vergleicht, kann man ebenso die gegenwärtigen und vergangenen Wellen der Mondialisierung besser verstehen und im täglichen Leben meistern, als gegebenenfalls auch die Mondialisierungen, die sozial, politisch oder ökologisch schädliche Formen annehmen, bekämpfen: die Mondialisierungen deren eingestandene oder implizite Absichten hegemonial oder grundsätzlich anti-demokratisch sind, die in industriellem Masstab Privatisierungen, Exklusivität, also Ausschlüsse fabrizieren, anstatt im Namen des Teilens zu agieren, die Begegnung zu fördern, neue Arten der Kommunikation und der Bildung anzubieten.

Der Einsatz einer „Philosophie der Mondialisierungen"

Für den jungen Hegel sind "die Fragen, welche die Philosophie nicht beantwortet (...) so beantwortet, dass sie nicht so gemacht werden sollen". Vielleicht muss man in diesem provokativen Aphorismus den Schlüssel zur aktuellen Patt-Stellung der Debatte zwischen den "Gegnern und Befürwortern der Mondialisierung" suchen, die sich neuerlich in Prag getroffen haben - dank des subtilen Präsidenten Havel, dem man in der gegenwärtigen Situation zugestehen muss, dass er auch und zunächst ein Intellektueller ist, der sicherlich seine eigenen Ideen darüber hat, wie man die Dinge auf andere Art und Weise lenken könnte. Tatsächlich sähe man gerne als Fundament dieser neuen Debatte, und damit diese nicht gleich wieder verjährt, die Überzeugung, dass das Problem vielleicht die Formulierung der Frage der "Mondialisierung" selbst ist. Man sähe gern, dass die, die höflich oder handgreiflich über ihren bevorzugten Gegenstand diskutieren, wenigstens das eine Prinzip akzeptieren diesen neu zu überdenken, zu re-evaluieren indem man tabula rasa macht und sich von jeder vorgefassten Idee befreit. Man sähe gerne, dass eine "Philosophie der Mondialisierungen" diesen "Partisanen" und "Gegnern" als unumgängliche Notwendigkeit erscheint – eine Philosophie, die - selbstverständlich jenseits von Vorurteilen und Gemeinplätzen - den Verfechtern einer binären Moral ("für" oder "gegen" Mondialisierung) ein bisschen den Daseinsgrund entzieht... die aber jedenfalls ihrem Zusammentreffen einen anderen Elan und Sinn geben würde. Man darf ja wohl träumen...!
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