Hypérion
Le monde est plein de fous, et qui n'en veut point voir doit s'enfermer tout seul et casser son miroir
Sottises de la semaine, Séguier Frères, 1790
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Für eine Wiederbegründung des Konzepts der Kulturellen Vielfalt


The General Assembly urges all those who work on the international stage to construct an international order based on inclusion, justice, equality and equity, human dignity, mutual comprehension as well as the defence and the respect of cultural diversity and the universality of human rights, and to reject all doctrines of exclusion based on racism, racial discrimination, xenophobia and the intolerance which is associated with it. It urges all states to see to it that their political and legal system reflects the plurality of cultures at the heart of society and, if necessary, to reform their democratic institutions in order that they be more participative and avoid marginalisation, exclusion and discrimination of particular sectors of society.’
Projekt einer UN-Resolution, 29. November 2001
Die Kulturelle Vielfalt wird beständig und fortwährend, ohne kritische Bewertung und mit einer verbalen Inflation, die weiterhin zunehmen wird, angeführt. Jedoch wird dieser essentiellen Sache, die eben genau ein solcher Ausdruck repräsentieren sollte, allerdings heutzutage zu oft auf das Niveau eines Slogans reduziert wurde, auf diese Weise natürlich ein schlechter Dienst erwiesen. Gegenüber einer profitgierigen Publizisation, die ihr Interesse und ihre Validität selbst auflöst, scheint es unabdingbar die Kulturelle Vielfalt wieder zu einem Konzept zu machen und dieses Konzept durch eine besondere dignitas wiederherzustellen, welche entschieden in seinem gegenwärtigen Kontext verankert wird.

Fest davon überzeugt möchte ich hiermit aus den Grenzen treten, die ich im Kritischen Lexikon „der“ Globalisierung (1) vorgeschlagen habe, um eine noch weniger normative und instrumentale Definition zu suggerieren, die es jedoch erlaubt auf einige Gegensätze der Epoche, sobald sie sich auf Fragen der Kulturen beziehen, zu antworten. Eine Definition, die weder neutral noch ökumenisch sein will und deren Ziel nicht die Deskription, sondern vielmehr die Interpretation ist, wird als solche akzeptiert und gefordert. Ich werde demnach die Kulturelle Vielfalt anhand von fünf Begriffen definieren und sie dann erläutern. Diese fünf Begriffe sind folgende: „vielfältig“, „kulturell“, „dynamisch“, „Antwort“ und „Projekt“. Es scheint mir, dass mit Hilfe dieser fünf Anhaltspunkte – die durch Kombination eine Beweiskette bilden – eine nützliche und pertinente Wiederdefinition erfolgen kann.


Vielfältig

Erster Punkt, die kulturelle Vielfalt ist vielfältig, was den ersten Punkt der kollektiven Auslassung und des thematischen Ausgleitens konstituiert. So als ob vielfältig in der Vielfalt von Bedeutung wäre, so als ob es jeder auf eine homogene und identische Art und Weise verstünde...also um genau zu sein: auf eine nicht vielfältige! Art und Weise.

Machen wir also nicht nocheinmal reinen Tisch mit der Vergangenheit und bringen uns dazu uns den Inhalt, das Essentielle, das quidditas des Vielfältigen der Vielfalt ins Gedächtnis zu rufen. Denn dieses Vielfältige, wird häufig mit seinen gebräuchlichen Äquivalenzen verwechselt: das Verschiedene, der Plural, das Multiple, das Verschiedenartige, etc. Das Vielfältige verlangt von sich aus eine dignitas im logischen und ontologischen Sinne, ohne welche überhaupt keine Hoffnung auf es selbst, auf seine „Dauerhaftigkeit“ (eine Obsession aus früheren Zeiten!) und auf die Möglichkeit dauerhaft und zu seinen Gunsten einen politischen und sozialen Willen, der breit geteilt wird, zu mobilisieren, gegründet werden kann. Deshalb muss ohne Umschweife anerkannt werden, dass das Vielfältige der Vielfalt, in seiner gegenwärtigen Bedeutung in den romanischen und angelsächsischen Sprachen nur ein ziemlich schwacher und annähernder Begriff ist - und dies stellt mit Sicherheit noch kein Konzept dar. So ist das Vielfältige nach dem Robert (frz. Lexikon) nur das, „was zahlreiche Aspekte, zahlreiche verschiedene Charaktere, gleichzeitig oder aufeinanderfolgend darstellt“ – eine charakteristische Definition der gewöhnlichen, konzeptuellen Leere des Wortes. Das Vielfältige ist nett, sympathisch, aber es sagt nicht viel aus und wahrscheinlich muß innerhalb dieser Indistinktion die ursprüngliche konsensuelle Begeisterung beibehalten werden; es handelt sich hierbei um eine Begeisterung, die in den letzten Jahren aufkam, v.a. nach den Wortgefechten, welche die Parteien in der Gegenwart über das durchaus harte, bewährte Konzept , welches zudem den altertümlichen, juristischen Ursprung der „Ausnahme“ hat, spalteten Es erscheint also dringend notwendig, das Noch-Nicht-Konzept der Vielfalt dieser ganz netten Trägheit, die bereits Erfolg hatte, herauszubringen. In Hinblick darauf scheint mir die Rückkehr zur lateinischen Bedeutung von diversus unabdingbar. Untersucht man die Verwendung bei Cäsar (2), Sallust (3), Tacitus (4), welche dieses Wort häufig benutzen, bemerkt man sodann, dass die Bedeutung, die sich davon ableiten lässt meist die des Gegenteils, des Divergierenden, des Widerspruchs, des Unterschieds im aktiven Sinn ist und eben nicht in dem Sinn der heute dominierend ist – dem „Verschiedenartigen“, genauer gesagt dem „Multiplen“. Divertere bedeutet, sich in eine andere Richtung drehen, sich abwenden, sich trennen, sich entfernen. Die Dimension der Bewegung und des Kampfes ist durchgehend vorhanden; aber eben auch ganz einfach die Dimension des Lebens- welches nichts mit den zählbaren, wenn nicht sogar administrativen Feststellungen gemeinsam hat- die der Varietät oder der Multiplizität. Behält man die Überarbeitung des Konzepts der Kulturellen Vielfalt auf einer deutlich geschlosseneren Basis im Auge, muß notwendigerweise die Etymologie des diversus aktualisiert werden; denn dieses Wort stellt nicht eine Feststellung dar, sondern eine Bewegung, welche eher einem Kampf, als einer Art von ganz nettem Konsensus entspringt.


Kulturell

Zweiter Punkt, und nicht in geringerer Weise mit all seinen Konsequenzen zu verstehen: Die Kulturelle Vielfalt ist kulturell! Weder Tautologie, noch Truismus, reklamiere ich in dieser Hinsicht grösste Seriösität. Um so mehr, da der Weltgipfel der Nachhaltigen Entwicklung in Johannesburg im August 2002 nicht damit aufhörte den künftigen Verlauf der biologischen Vielfalt mit dem der Kulturellen Vielfalt zu verwechseln und die Wichtigkeit, die beiden Auseinandersetzungen zugunsten der Präservation dieser beiden Arten von Vielfalt, zusammenführen. (5) – ein Lieblingsthema von dem die Politik ohne Verifizierung oder Vorsichtsmassnahmen vor dem Gebrauch Besitz ergriffen hatte…
Nun gut! Eine schlimme Sache! Denn sofern der Wunsch besteht, dem Konzept ein wenig dignitas im philosophischen Sinne und ein wenig juristischen Wert zukommen zu lassen, kann man nicht eingestehen, dass die kulturelle Vielfalt „natürlich“ sein kann…Sich vorzustellen, sie zu „verstärken“, indem man sie naturalisiert – indem man sie wieder eingliedert in die natürliche Ordnung… — das wäre nicht nur naiv, sondern vom philosophischen und anthropologischen Standpunkt aus gesehen nahezu kriminell. Die logische Folge und Konsequenz daraus wäre demzufolge, ganz einfach die eigene Spezifizität der Kultur zu verneinen und die Tradition des modernen Denkens, die sie betrifft, auszuradieren.
Im Gegenteil, das diversus der kulturellen Vielfalt muß seine Etymologie wiedererlangen, um daran zu erinnern, dass es Kulturelle Vielfalt nur gibt – und nur dort geben kann – wo eine Auseinandersetzung kultureller Formen stattfindet, einerseits gegen „die Natur“, und ihre „Biovielfalt“ selbst, andererseits gegen andere kulturelle Formen. Das kulturell Vielfältige wird nur durch das Erproben dieser unaufhaltsamen doppelten Auseinandersetzung mit dem biologische Vielfältigen und mit sich selbst (mit dem Anderen und dem Verschiedenartigen der Kulturen) zu dem was es ist. Eine solche Feststellung erlaubt es eigentlich die geläufige Polemik über das „Multikulturelle“ und das „Interkulturelle“ zu verhindern. Tatsächlich situiert sich das „Multikulturelle“ deutlich auf der Seite der Biovielfalt und dessen es gibt: es gibt das Mutikulturelle so wie es das biologisch Vielfältige gibt, das ist gut und muss bewahrt werden…Mit der gesamten Moral des Vielfältigen, die darin auftaucht. Ganz anders dazu erinnert das Konzept des „Interkulturellen“ daran, dass die Kulturen nur durch und innerhalb eines Konfliktes mit den natürlichen Bedingungen und Formen, aber auch nur durch und innerhalb von Begegnungen mit anderen Kulturen aufgehen können. Das inter aus interkulturell kann eine pazifistische oder kriegerische Begegnung bezeichnen, aber mit Sicherheit eine Begegnung, die viel diversus produziert.


Dynamik

Dritter Punkt, sehr eng mit den vorhergehenden verbunden: Die kulturelle Vielfalt kann nicht statisch, festgesetzt und zählbar sein. Sie muß dynamisch sein, und sie muß dies ohne Unterlass sein, denn würde dies fehlen ließe sie sich auf die tote Form des patrimonialen Inventars reduzieren. Stellen wir uns einen Augenblick eine „Domäne der Musik“ vor, in der es nur noch Kataloge von Musikausgaben gäbe, bei denen man sich bemüht sie zu „konservieren“ und zu „promoten“, ohne damit eine Tätigkeit der Entwicklung und der Produktion neuer Musik zu verbinden… Dieser beschützte Bereich könnte in keinem Fall „Ort der Kulturellen Vielfalt“ genannt werden, sondern eher „Friedhof“ oder „Gemüsebeet der Kulturen“, denn es würde dort ein diversus fehlen, ein diversus das wiederum nur durch die Aktion der freiwilligen, beständigen, lebendigen, also „diversifizierten“ Produktion geboren werden kann… Auch das kann „evident“ erscheinen, und trotzdem sind die vorherrschenden Diskurse – angefangen bei dem Fürsten – über die Kulturelle Vielfalt von großer Armut in Hinblick auf einen solch dynamische Anpruch. Selbst die Idee, die „Kulturelle Vielfalt zu bewahren und zu promoten“, welche tatsächlich seit November 2001 mit der Verabschiedung der Universellen Deklaration der UNESCO allgemeine Bekanntheit erlangte, ist noch eindeutig zu statisch, auch wenn sie sich deutlich dem Prozess einer Bewegung verschreibt. Sie beschränkt die Vielfalt, welche in diesem Statut in Frage gestellt wird, auf etwas „Seiendes“, das in sich selbst nicht die eigentliche Bewegung des diversus trägt. Alles verläuft so, als ob diese Idee davor Angst hätte die intrinsische Konfliktualität in der Bewegung der Kulturellen Vielfalt zu assumieren – die Erkenntnis, dass diese Vielfalt sich nur durch den Konflikt entwickelt, auch wenn dieser nicht gezwungenermaßen tödlich ist. Alles verläuft so, als wenn es hauptsächlich darum ginge zuerst zu normalisieren um mit der Kulturellen Vielfalt, bei der man sich bemüht zu vergessen, dass sie nicht nur die Produzentin von Kunst und Schönheit ist, sondern auch die Wurzel vieler menschlicher Konflikte, danach „besser umgehen zu können“. Im Gegensatz zu dieser (politisch konventionellen) Attitüde des systematischen Vermeidens dessen, was innerhalb des diversus zu Spannungen führen könnte, suggeriere ich, die inhärenten Ambiguitäten und Widersprüche zu einer interkulturellen Dynamik aufzuwerten. Sie kann genauso gut etwas Zerstörerisches in soziopolitischer Hinsicht haben, wie sie etwas im Herzen einer Stadt aufbauen kann – all diese Verbindungen, die sie manchmal aufbauen, manchmal auflösen kann, ohne dass man jeweils nur ins Auge faßt, den „positiven“ Teil des Prozesses auszuwählen, zu programmieren und sich von ihrer Schattenseite zu befreien. Darum zu bitten, dass die kulturelle Vielfalt dynamisch und nicht nur zählbar sein solle, setzt voraus, die Engelhaftigkeit der „gezwungenermaßen guten“ Vielfalt aufzugeben und sich darauf einzustellen die Komplexität ihres Beitrags zur Entwicklung der Welt zu verstehen..


Eine Antwort

Vierter Punkt: Die Kulturelle Vielfalt muß sich aus ihrem gewöhnlichen Statut der „Frage“ heraustreten, um eher als eine „Antwort“ verstanden zu werden. Diese Bemerkung erlaubt es auch, die eben dargestellte Natur der Dynamik zu spezifizieren. Innerhalb der normativen Wertschätzung der Kulturellen Vielfalt beschränken sich die Fragen, die sie aufwirft, tatsächlich auf ein sehr Geringes, was so noch keine Dynamik erzeugt: Man stellt den Sinn und die Grenzen der Kulturellen Vielfalt in frage; man bemüht sich, die Formen darin zu inventarisieren; es wird über das Verschwinden des kulturellen Erbes debattiert, etc. Aber in den Mittelpunkt der Reflexion und der Handlung wird nicht gestellt, dass sie der Idee folgt, sie müsse eine Antwort sein: eine politische Antwort, eine soziale Antwort, eine erziehende Antwort, ja sogar eine ökonomische Antwort. Wir haben uns angeeignet, die Kulturelle Vielfalt auf ziemlich passive Art und Weise als etwas verstehen, was sich in Form einer Herausforderung an die Menschheit richtet, was ihr eine Frage stellt und was selbst eine Frage darstellt. Aber wir verstehen sie nicht ausreichend als eine Sache, die der Menschheit, durch das Ergebnis ihrer Bewegung selbst und aufgrund der Modalitäten dieser Bewegung, Antworten bringt; einerseits positive Antworten – erwünscht und gebilligt-, andererseits absolut unerwünschte. Einerseits: interkulturelle Entdeckung, Verbrüderung, Konvivialität, Fruchtbarmachung von Kreationen, Kollektivisierung und Teilen des Wissens und der Werke... Andererseits: Intoleranz, Misstrauen, Proskription, intellektuelles und juristisches Besitzergreifen, globales Dominieren, Kriege... Jene problematischen Antworten nämlich, die dem normativen Anstand der Kulturellen Vielfalt als Fragen entfliehen. Deshalb schlage ich vor, die Kulturelle Vielfalt gleichzeitig als Frage und als Antwort wahrzunehmen: eine unaufhörlich formulierte und quälende Frage über das, was sie sein könnte und eine Antwort, die nicht aufhört zu finden, zu erfinden und sich selbst zu finden. Die Antwort, die die kulturelle Vielfalt in sich trägt, entspricht genau dem Bild des lateinischen diversus: Sie ist die Gegenüberstellung zwischen den Kräften, welche die Welt in entgegengesetzte Richtungen führen; sie stellt den Widerspruch zwischen gegensätzlichen Resultaten dar (zum Beispiel das quantitative und qualitative Wachstum der „kulturellen Güter und Dienstleistungen“). In einem Wort ist sie Aufhebung im Hegelschen Sinn: das was auslöscht, indem es „erhält“ und „wieder erschafft“ - diese Aufhebung, die sich ihrer Geschichte erinnert, indem sie diese abschafft, die fähig ist eine solche Geschichte zu überwinden, indem sie ihre Verbrechen und Grossartigkeiten auf sich nimmt, eine Aufhebung, welche die Kulturbewegung weiterträgt.


Ein Projekt:

Fünfter und letzter Punkt: Die Kulturelle Vielfalt muß das werden, was sie ist -oder was sie hätte nie aufhören dürfen zu sein–ein Projekt. Aufgeklärten Geisten kann das noch einem Truismus gleichkommen, und dennoch! Wie weit sind wir doch noch entfernt von dieser Bedeutung und genau dieser Art zu leben und zu sprechen – gegebenenfalls für die Kulturelle Vielfalt zu plädieren! Denn diese so oft angesprochene Vielfalt, wird genauso häufig in eine extrem passive Rolle gedrängt: Nämlich als Schönheit, die einen Beschützer braucht; als das Gute (immer dies!), das zu verteidigen wäre; als das Erbe (Reaktion eines Bankiers), das zu beschützen wäre („Meisterwerke in Gefahr“, sagte man unlängst), und falls nicht, dann ist es eben aufzuwerten... So wird die Kulturelle Vielfalt-Tendenz steigend-, im Zentrum von politischen, administrativen, betriebswirtschaftlichen und multilateralen sowie Marketingprojekten integriert…die aus ihr ein privilegiertes Element ihrer Strategie macht- der Schlüssel zum korrekten und akzeptablen Diskurs in allen Gebieten-aber die deswegen selbst, per se, als autonomes Projekt, welches nicht andere aufblühen lassen muss, um zu existieren, nicht wahrgenommen wird. Jedoch, um den Hoffnungen gerecht zu werden, die sich stark auf diesem Konzept begründen, welchem es noch nicht gelungen ist seine prinzipielle Fragilität vergessen zu machen, hat die Kulturelle Vielfalt nicht wirklich die Wahl in einer Zeit, in der i) die WHO bereit dazu ist ungefähr alles, was den edukativen und kulturellen Bereichen entspringt zu liberalisieren; in der ii) die Privatisierung des Wissens, der Rituale und des ältesten und öffentlichsten kulturellen Erbes – im Sinne des allgemeinen und öffentlichen Interesses –von den „Major Companies“ in zügelloser Weise durchgeführt wird; und schließlich, in der iii) die Kultur in allen Facetten zu einer Ware– eine commodity –unter anderen, aber auch unter den lukrativsten (wie man es klar erkennen kann an der Rivalität USA/Europäische Union bezüglich der „kulturellen Güter und Dienstleistungen“), gefolgt von der Fülle von Nebenprodukten und den Industrien, die dazu bestimmt sind jegliche Anwandlung von Unabhängigkeit aufzulösen. Tatsächlich haben die „Partisanen der Kulturellen Vielfalt“ - gegenüber dem, was präzise und ohne Umschweife ein Projekt der globalen, wenn nicht sogar der totalen Dominierung ist - kaum Spielraum auf ihrer Suche nach einem dritten Weg zwischen den „Verfechtern der Ausnahme“ und denen, die für eine bedingungslose Liberalisierung der „Kultur– und Bildunsgmärkte“ eintreten. Wenn sich ein so resolutes, massives und strukturiertes Projekt sich so deutlich präsentiert, ist es offensichtlich, dass es nur zwei Lösungen gibt: entweder sich unterwerfen oder dem ganzen ein klares, geschlossenes und mit einem vergleichbaren Willen ausgestattetes Projekt entgegenzusetzen (das,was das lateinische diversus ausmacht), welches vergleichbar klar, geschlossen und mit Willen ausgestattet ist. „Ein Projekt“, das heisst ein kohärentes und systematisches Ganzes aus Analysen, Thesen, Zielen und Mitteln, welches von einer Interessensgemeinschaft (öffentliches Interesse und allgemeines Interesse) geteilt wird und ihr herausgearbeitet wird um die Ziele zu erreichen, die sie sich festgelegt hatte. Ich würde gerne mit den Charakteristiken eines solchen Projektes abschließen.


Ein Projekt, ja – aber welches?

Zuerst ein theoretisches Projekt. Die erste Notwendigkeit ist tatsächlich eine kritische Bearbeitung der Neubegündung, die sich nicht darauf beschränkt die internationale Billigung festzustellen, von welcher das Leitmotiv der Kulturellen Vielfalt — um es aufzuwerten – profitiert, und welche voraussetzt, dass dieses Konzept auf der Vernunft, ohne Restriktion a priori, mit all seinen Modalitäten und auf dem Prüfstand aller – speziell der nicht-westlichen-Kulturen begründet ist. Hinsichtlich dessen, ist es ebenfalls zu bemerken, dass das Essentielle der fraglichen Arbeit bereits ausgeführt ist, so dass es vielmehr hauptsächlich darum geht sie zusammenzufassen und ihr auf widersprüchliche und transdisziplinäre Weise miteinander zu begegnen, als sie „nocheinmal zu machen“. Die beträchtliche Summe von, in den letzten Dekaden durchgeführten Studien und Recherchen zu den Problematiken des Multikulturalismus, des Interkulturalismus, des Pluralismus, im Besonderen, kann weder einfach ausradiert noch schnell übersprungen werden: Sie müssen inventarisiert, synthetisiert und in das Blickfeld der heutigen Fragestellungen, die in verschiedenen nationalen, regionalen und multilateralen Rahmen formuliert, gerrückt werden. Dann wird die Kulturelle Vielfalt ihr Statut der positiven Evidenz a priori aufgeben, um wieder die Gewohnheit aufzunehmen, die sie nicht verlassen hätte dürfen, genauer gesagt diejenige der Komplexität und der Konfliktualität.

Danach, ein juristisches Projekt. Man wollte aus der Kulturellen Vielfalt plötzlich ein juristisches Konzept machen – was es bis zur Gegenwart in der Geschichte des Rechts niemals gewesen war- so als ob das Recht sich durch Suggestion oder Berührung übertragen ließe…Seitdem das Thema der Kulturellen Vielfalt im Jahr 2000 seinen Aufschwung erlebte, wurde sehr schnell von einem „juristischen Instrument“ gesprochen, welches die Ziele in die internationalen kommerziellen und juristischen Verhandlungen einbringen könnte. Aber da man nicht akzeptiert hatte auch nur einen Augenblick gemeinsam die theoretischen Schwierigkeiten, die das Konzept von vorneherein mitsichbringen könnte, zu überdenken, verlor diese Idee des juristischen Instruments, welches eigentlich vor allen Bedrohungen beschützen und alles Schlechten abwehren sollte, zunächst an Glaubwürdigkeit. Demnach müssen die Dinge dort wieder aufgenommen werden, wo sie vernachlässigt worden waren und gleichzeitig muß die Annäherung der Kulturellen Vielfalt unwiderruflich mit - auf der einen Seite - der Philosophie, den Sozial- und Humanwissenschaften und auf der anderen dem Öffentlichen, dem Privaten und dem Internationalen Recht stattfinden. Es geht darum eine solide Verbindung zwischen den fachlichen Ansätzen, die sich ignoriert oder zerstreut haben, wiederherzustellen, um sie in der Ausarbeitung eines allgemeinen Corpus der Kulturellen Vielfalt konvergieren zu lassen, der fähig ist auf die aktuellen Bedürfnisse auf der mulitlateralen, diplomatischen und kommerziellen Szene zu antworten.

Schließlich ein politisches Projekt. Wie der juristische Ansatz kam wurde auch sehr schnell ein politischer Anspruch gegenüber der kulturellen Vielfalt erhoben, und zwar sogar noch vor dem Inkrafttreten eines Konzepts, das halbwegs lebensfähig und von privaten und öffentlichen Administratoren der kulturellen Güter und Dienstleistungen als unterstützungswürdig erachtet wurde. Es wurde eine „Politik der Kulturellen Vielfalt“ improvisiert, ohne ihre Philosophie und ihr Recht richtig zu betrachten. Danach wurde eine Argumentation zugunsten der Kulturellen Vielfalt entwickelt, die mit Moralvorstellungen, guten Gefühlen und Tautologien … und mit Gegen-Wahrheiten eingfärbt war, wo dieses nicht notwendig war und sich als contra-produktiv herausstellte. Auch hier müssen die Dinge also in einer Ordnung aufgenommen werden ,die nicht logisch ist, sondern die vielmehr verlangt, dass jede mögliche Politik der Kulturellen Vielfalt durch die Philosophie, die Sozial-, Human- und Rechtswissenschaften in den erstellten Grundsätzen (häufig langfristig) eingetragen wird. Dann kann die Kulturelle Vielfalt auch zu diesem veritablen politischen Projekt , welches sie nicht verhindern konnte zu sein, werden— um die Nichtreduzierbarkeit der großen Bereiche der Bildung, der Linguistik und der Kultur durch den Kommerz zu wiederholen und zu bestätigen, um dauerhaft die Unantastbarkeit ihrer normativen Regeln durch das Handelsrecht dazwischenzustellen und um nach und nach auf die Strategie der restriktionslosen Dominierung der privaten „Major Companies“ mit eine Strategie der grenzenlosen Dominierung das allgemeinen und öffentlichen Interesses zu antworten.


Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 20 der wissenschaftlichen Zeitschrift Nouveaux Regards veröffentlicht, Winter 2002-2003.

Übersetzt von Daniela Braun/Patrick Wiermer


Fussnoten:

(1) s. Artikel Kulturelle Vielfalt des „Dictionnaire critique de „la mondialisation“ (GERM / Le Pré aux Clercs, Paris, 2002).
(2) Julius Caesar: „Diversi pugnabant“, De bello civili, 1, 58, 4.
(3) Sallust: „Diversissimas res parier exspectare“, De Bello Jugurthino, 85, 20.
(4) Tacitus: „Diverso terrarum distineri“, Annales, 3, 59.
(5) s. Runder Tisch Diversité culturelle, diversité biologique et développement durable vom 03.09.2002 in Johannesburg (WSSD).


Bibliographie:

de Bernard, François, " Privatisation ou partage des identités et de la diversité culturelles? ", Beitrag im Rahmen einer Vorlesung am Institut Français d’Ecosse, 29/02/2002, aufgenommen unter www.mondialisations.org, Rubrik Studien.

________ " Economie de la matrice cosmopolitique de la diversité ", 24/05/2001. Beitrag im Rahmen einer Vorlesung in UNESCO / MERCOSUR de Asunción, aufgenommen unter www.mondialisations.org, Rubrik Studien/Ankündigungen.

________ " La diversité culturelle : du consensus mou au projet politique", Beitrag zu Etats Généraux de la Culture, 30.11.01, aufgenommen unter www.mondialisations.org, Rubrik Kulturelle Vielfalt.

________ " Que peut être l’exception culturelle ?", in Le Télémaque n°10-11, CRDP de Bourgogne, Mai 1997.

GERM, Dictionnaire critique de " la mondialisation ",unter der Dir. von. de François de Bernard, GERM / Editions Le Pré aux Clercs, Paris, 2002.

Ministère de la Culture et de la Communication (France) : " La diversité culturelle, une ambition française". 29/08/02. Aufgenommen unter www.mondialisations.org, Rubrik Kulturelle Vielfalt

Premierminister (Frankreich): " Soutenir la diversité culturelle en France et dans le monde". 29/08/02. Aufgenommern unter www.mondialisations.org, Rubrik Kulturelle Vielfalt

UNESCO, unter der Dir. von. de Edgar Montiel, Hacia una mundializacìón humanista, Paris, Publicaciones UNESCO, 2002.



(This article has been synthesised. It can be found in the Critical Dictionary at the following entry : Kulturelle Vielfalt)
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